Ein Entwickler schreibt in einem Forum, Software sei vorbei – und behauptet, Photoshop mit KI nachgebaut zu haben. Das klingt zunächst nach einem jener großen Versprechen, die im Netz schnell auftauchen und genauso schnell wieder verschwinden. Doch hinter dem Auftritt von Brandon Thomas steckt ein konkretes Projekt: Unter dem Namen Artcraft veröffentlicht er Adobe-Alternativen, die bekannte Kreativprogramme nachbilden sollen.
Die Anwendungen sind noch unfertig. Trotzdem steckt in ihnen mehr als ein technisches Experiment. Artcraft macht sichtbar, wie weit KI-gestützte Programmierung inzwischen kommen kann – und stellt eine größere Frage: Was passiert, wenn einzelne Entwicklerinnen und Entwickler plötzlich Werkzeuge bauen können, für die früher ganze Teams nötig waren?
Eine Suite mit bekannten Vorbildern
Artcraft umfasst laut Thomas Nachbauten für einen großen Teil der Adobe Creative Suite. Dazu zählen Photocraft als Gegenstück zu Photoshop, Filmcraft für den Videoschnitt und Designcraft für Layoutarbeiten. Auch für Illustrator und Lightroom gibt es entsprechende Pendants. Die Namen sind nicht gerade subtil, aber sie machen sofort klar, an welchen Programmen sich das Projekt orientiert.

Ein Blick auf die Oberfläche erklärt den Reiz. Photocraft zeigt vertraute Elemente wie Werkzeugleisten, Ebenen und Anpassungsbereiche. Filmcraft setzt auf eine Timeline mit Video- und Audiospuren sowie Vorschaufenster. Designcraft wiederum bietet eine Layoutfläche mit Text- und Gestaltungselementen. Wer mit den Vorbildern gearbeitet hat, erkennt die Anleihen schnell.
Die Programme sollen nicht bloß im Browser laufen. Thomas setzt auf Rust und native Versionen für Windows, macOS und Linux. Gerade Linux dürfte für manche Kreative interessant sein: Adobe bietet seine Programme dort nicht nativ an. Allerdings macht eine vertraute Oberfläche noch keine gleichwertige Anwendung. Zwischen einem überzeugenden Screenshot und einem verlässlichen Arbeitswerkzeug liegt eine Menge Entwicklungsarbeit.
Mit KI zum ersten Entwurf
Thomas sagt, er habe für die Entwicklung Anthropics Claude Opus 5.5 genutzt. Er beschreibt sich dabei nicht als spontanen KI-Coding-Einsteiger, sondern verweist auf rund 15 Jahre Erfahrung in der Softwareentwicklung und auf seine Arbeit mit größeren Rust-Projekten. Die KI sei also Teil seines Werkzeugkastens, nicht der Ersatz für jedes technische Verständnis.
Seine Motivation ist allerdings nicht nur technischer Ehrgeiz. Thomas hat öffentlich erzählt, dass Adobe ihm wiederholt eine Stornogebühr berechnet habe. Seitdem, so seine eigene zugespitzte Formulierung, könne er das Unternehmen nicht mehr ausstehen. Aus persönlichem Ärger wurde damit ein Projekt, das eine größere Sehnsucht aufgreift: Viele Kreative wünschen sich leistungsfähige Programme, ohne an teure Abos oder einen bestimmten Anbieter gebunden zu sein.
Das macht Artcraft nicht automatisch zu einer ausgereiften Alternative. Die derzeitigen Versionen bezeichnet Thomas selbst als sehr frühe Alpha. Erste Tests weisen auf fehlende und fehlerhafte Funktionen hin. Wer ein Projekt damit beginnen will, sollte also damit rechnen, dass Werkzeuge nicht wie erwartet reagieren oder wichtige Arbeitsschritte noch gar nicht möglich sind.
Der Abstand zwischen Nachbau und Produkt
Thomas stellt in Aussicht, dass die Anwendungen mit der Zeit einen großen Teil des Funktionsumfangs ihrer Vorbilder erreichen könnten. Er spricht von bis zu 99 Prozent und schätzt den Weg dorthin eher in Monaten als in Jahren. Das ist eine ambitionierte Prognose – und noch kein Beleg dafür, dass sich diese Qualität tatsächlich erreichen lässt.
Eine erste Version zu erzeugen, ist etwas anderes, als eine Software dauerhaft zu pflegen. Ein Kreativprogramm muss auch mit großen Dateien, ungewöhnlichen Arbeitsabläufen und verschiedenen Systemkonfigurationen klarkommen. Dazu kommen Fragen, die weniger spektakulär sind als eine neue Funktion, aber im Alltag entscheidend werden: Wie zuverlässig speichert die Anwendung? Was passiert bei einem Absturz? Funktionieren Tastaturkürzel, Farbmanagement und Dateiformate konsistent?
Für eine professionelle Nutzung zählen zudem regelmäßige Updates, Dokumentation und ein Team, das Fehler behebt. Bei Open-Source-Software können zwar weitere Entwicklerinnen und Entwickler beitragen. Das geschieht aber nicht automatisch. Ob sich eine Gemeinschaft bildet und das Projekt langfristig trägt, muss sich erst zeigen.
Was bedeutet „Clean Room“ hier?
Neben der technischen Seite steht die rechtliche Frage im Raum: Darf man Software wie Photoshop oder Premiere nachbauen? Thomas bezeichnet Artcraft als Clean-Room-Reimplementation. Gemeint ist damit eine Neuimplementierung, die ohne Zugriff auf den ursprünglichen Adobe-Code entstanden sein soll. Das ist ein wichtiger Unterschied zu einem direkten Kopieren des Programmcodes.
Reverse Engineering ist nicht grundsätzlich verboten. Je nach Rechtsordnung und konkreter Umsetzung können etwa die Analyse von Software und die Entwicklung kompatibler Programme zulässig sein. Daraus folgt aber keine pauschale Erlaubnis, jedes Detail eines kommerziellen Produkts zu übernehmen. Marken, urheberrechtlich geschützte Bestandteile und die konkrete Gestaltung einer Oberfläche können eigene Fragen aufwerfen. Auch die Bedingungen, unter denen eine Software untersucht wird, können eine Rolle spielen.
Entscheidend ist daher nicht allein, was Thomas über seine Methode sagt. Ob ein konkreter Nachbau rechtlich zulässig ist, hängt von den Einzelheiten ab. Adobe könnte zudem andere Einwände prüfen lassen, selbst wenn kein Adobe-Code verwendet wurde. Für Artcraft bleibt das eine offene Baustelle – neben allen technischen.
Ein Hinweis auf den Wandel, kein Abschied von Software
Thomas verbindet das Projekt mit einer weit größeren Vorstellung: Menschen könnten künftig eigene Alternativen zu großen Plattformen, Suchmaschinen oder sogar Smartphones bauen. Das klingt nach einem neuen Zeitalter der Selbstermächtigung. Für den Moment ist es aber vor allem ein ambitionierter Ausblick, kein fertiger Fahrplan.
Trotzdem ist Artcraft interessant, gerade weil die Programme noch so früh sind. Das Projekt zeigt, dass KI bei der Umsetzung komplexer Software helfen kann und dass ein einzelner Entwickler schneller zu sichtbaren Ergebnissen kommen kann. Es beweist noch nicht, dass sich Photoshop in kurzer Zeit vollständig ersetzen lässt. Gute Software entsteht nicht allein dadurch, dass eine KI viel Code schreibt. Sie muss getestet, verbessert und über Jahre gepflegt werden.
Für dich heißt das: Artcraft ist derzeit eher ein spannendes Experiment zum Beobachten als ein Werkzeug, auf das du deine nächste große Produktion stützen solltest. Die wichtigere Nachricht liegt vielleicht darin, dass der Abstand zwischen Idee und funktionierendem Prototyp schrumpft. Ob daraus dauerhaft verlässliche Photoshop-Klone werden, entscheidet sich nicht im Forum, sondern im Alltag – bei den nächsten Updates, den behobenen Fehlern und den Funktionen, die tatsächlich halten, was die Oberfläche verspricht.
Ich habe das Programm mal fix runtergeladen und die gerade mal 133 MB starten das Programm extrem schnell und die ganze Bearbeitung ist viel schneller (klar, weil auch nicht alle Funktionen enthalten sind). Selbst PSD-Dateien lassen sich korrekt öffnen. Für einfache Dinge, auf jeden Fall ausreichend. Unfassbar, was die KI alles mittlerweile kann!
Ich selbst verwende ab und zu auch mal https://www.photopea.com/, da kann ich sehr schnell, in gewohnter Photoshop-Oberfläche, Bilder direkt im Browser bearbeiten. Kennt ihr den Dienst schon?
Quelle: https://www.derstandard.at/story/3000000343256/von-adobe-genervter-entwickler-baut-photoshop-premiere-und-co-mit-ki-als-open-source-nach
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