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Überlegst du, deine Selbstständigkeit aufzugeben und zurück in die Festanstellung zu wechseln?

Stefan Petri
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Die Entscheidung fällt dir nicht leicht, das ist klar. Jahrelang hast du alles gegeben, Kunden akquiriert, Projekte gestemmt und dein eigenes Ding durchgezogen. Aber irgendwann kommt bei vielen Freelancern der Moment, in dem sich die Frage aufdrängt: Ist das noch der richtige Weg für mich? Du bist damit nicht allein. Seit 2012 sinkt die Zahl der Selbstständigen in Deutschland kontinuierlich, und die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Menschen dahinter.

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Manchmal führt der Weg in die Festanstellung geradewegs zum Glück, auch wenn es sich anfangs wie ein Rückschritt anfühlt.

Vielleicht kennst du das Gefühl, wenn du nachts wach liegst und überlegst, woher der nächste Auftrag kommen soll. Oder du rechnest dir zum zehnten Mal aus, ob die Krankenversicherung, die Altersvorsorge und die Miete diesen Monat noch drin sind. Selbstständigkeit kann großartig sein, aber sie ist eben auch nicht für jeden auf Dauer das Richtige. Und das ist völlig okay.

Warum geben immer mehr Menschen ihre Selbstständigkeit auf?

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut dem Statistischen Bundesamt sank die Zahl der Selbstständigen 2025 um weitere 38.000 Personen auf insgesamt 3,7 Millionen. Dieser Abwärtstrend hält nun schon seit über einem Jahrzehnt an. Besonders bei den Solo-Selbstständigen, also denjenigen ohne eigene Mitarbeiter, zeigt sich der Rückgang am deutlichsten.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Verschärfte Regelungen zur Scheinselbstständigkeit machen es schwieriger, langfristige Kundenbeziehungen aufzubauen, ohne in rechtliche Grauzonen zu geraten. Die Sozialabgaben fressen einen immer größeren Teil des Einkommens auf, und die Altersvorsorge bleibt oft auf der Strecke. Gleichzeitig hat sich der Arbeitsmarkt für Angestellte deutlich verbessert. Unternehmen bieten flexible Arbeitsmodelle, Homeoffice und attraktive Gehälter, um im Wettbewerb um Fachkräfte zu bestehen.

Hinzu kommt ein Aspekt, über den selten gesprochen wird: die psychische Belastung. Als Selbstständiger trägst du die volle Verantwortung. Jede Entscheidung liegt bei dir, jeder Fehler geht auf deine Kappe, und Urlaub bedeutet oft nur, dass die Arbeit liegen bleibt. Für manche Menschen ist diese Last auf Dauer zu schwer.

Welche Chancen bietet dir der aktuelle Arbeitsmarkt?

Hier kommt die gute Nachricht: Der Arbeitsmarkt hat sich in den letzten Jahren grundlegend gewandelt. Unternehmen suchen händeringend nach qualifizierten Fachkräften, und als ehemaliger Selbstständiger bringst du Eigenschaften mit, die Gold wert sind. Du kennst den Druck, eigenverantwortlich zu arbeiten, du kannst Projekte von Anfang bis Ende durchziehen, und du verstehst die Kundenperspektive wie kaum jemand anders.

BrancheOffene Stellen (2024)Besonders gesucht
Gesundheitswesen46.000Pflegekräfte, Physiotherapeuten
Baugewerbe41.300Elektriker, Sanitärfachkräfte
IT und Technik109.000Softwareentwickler, KI-Spezialisten
Öffentliche Verwaltung37.600Sachbearbeiter, Erzieher
Maschinenbau18.000Ingenieure, Techniker

Die Tabelle zeigt: In praktisch jeder Branche werden Fachkräfte gesucht. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft blieben allein 2024 über 260.000 Stellen in den zehn am stärksten betroffenen Branchen unbesetzt. Das bedeutet für dich: Du hast die Auswahl. Nicht mehr die Unternehmen entscheiden, ob du zu ihnen passt. Heute entscheidest du, welcher Arbeitgeber zu dir passt.

Wie findest du den richtigen Job nach der Selbstständigkeit?

Der Bewerbungsprozess hat sich verändert, seit du zuletzt einen Lebenslauf geschrieben hast. Heute läuft vieles digital, und die klassische Bewerbungsmappe hat ausgedient. Jobbörsen und Karriereplattformen bieten dir einen schnellen Überblick über Stellenangebote in deiner Region und deinem Fachgebiet. Du kannst gezielt nach Unternehmen filtern, die zu deinen Vorstellungen passen.

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Die Jobsuche ist heute ein bisschen wie Online-Dating, nur dass dein Match am Ende Gehalt zahlt

Achte bei der Stellensuche auf mehr als nur das Gehalt. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice-Möglichkeiten und Weiterbildungsangebote sind Faktoren, die deinen Arbeitsalltag maßgeblich beeinflussen. Viele Unternehmen haben verstanden, dass sie attraktive Bedingungen bieten müssen, um gute Leute zu gewinnen und zu halten. Nutze diese Verhandlungsposition.

Deine Zeit als Selbstständiger ist dabei kein Makel im Lebenslauf, sondern ein Pluspunkt. Du hast bewiesen, dass du unternehmerisch denken kannst, dass du Verantwortung übernimmst und dass du auch unter Druck funktionierst. Diese Eigenschaften suchen Arbeitgeber händeringend.

Worauf solltest du beim Übergang achten?

Der Wechsel von der Selbstständigkeit in die Festanstellung ist mehr als nur ein Jobwechsel. Es ist ein Wandel deiner gesamten Lebensweise. Plötzlich hast du feste Arbeitszeiten, einen Chef und Kollegen. Das kann befreiend sein, aber auch eine Umstellung erfordern.

Nimm dir Zeit für diesen Übergang. Beende laufende Projekte sauber, informiere deine Kunden rechtzeitig und kümmere dich um die Abmeldung deines Gewerbes. Steuerlich kann es sinnvoll sein, einen Berater hinzuzuziehen, um keine bösen Überraschungen zu erleben.

Checkliste für den Übergang in die Festanstellung:

☐ Laufende Projekte mit angemessener Frist beenden ☐ Kunden über die Geschäftsaufgabe informieren ☐ Gewerbe bei der zuständigen Behörde abmelden ☐ Steuerberater für die Abschlussarbeiten konsultieren ☐ Sozialversicherungsstatus klären (Krankenkasse, Rentenversicherung) ☐ Lebenslauf aktualisieren und Selbstständigkeit als Stärke präsentieren ☐ Netzwerk für Jobsuche aktivieren ☐ Bewerbungsunterlagen an aktuelle Standards anpassen

Finanziell solltest du einen Puffer einplanen. Zwischen dem Ende deiner Selbstständigkeit und dem ersten Gehalt kann etwas Zeit vergehen. Auch die Umstellung von Vorauszahlungen auf monatliche Gehaltseingänge erfordert eine neue Budgetplanung.

Welche Fehler solltest du bei der Jobsuche vermeiden?

Viele ehemalige Selbstständige machen den Fehler, ihre Freelancer-Zeit im Bewerbungsgespräch kleinzureden oder sogar als Misserfolg darzustellen. Das ist grundlegend falsch. Du hast ein Unternehmen geführt, auch wenn es nur ein Ein-Personen-Unternehmen war. Du hast Kunden gewonnen, Rechnungen geschrieben, Marketing gemacht und dich um alles gekümmert. Das sind Fähigkeiten, die in jeder Position wertvoll sind.

Ein weiterer Fehler: zu schnell irgendeine Stelle anzunehmen. Ja, der Druck kann groß sein, wieder ein regelmäßiges Einkommen zu haben. Aber wenn du den ersten Job annimmst, der dir angeboten wird, ohne zu prüfen, ob er wirklich zu dir passt, landest du womöglich in einer Situation, die dich genauso unglücklich macht wie die Selbstständigkeit zuvor.

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Im Vorstellungsgespräch gilt: Ehrlich währt am längsten, aber ein bisschen Selbstmarketing schadet auch nicht.

Unterschätze auch nicht den kulturellen Unterschied. Als Selbstständiger hast du alles selbst entschieden. In einem Unternehmen musst du dich mit anderen abstimmen, Kompromisse eingehen und manchmal Entscheidungen akzeptieren, die du anders getroffen hättest. Das ist nicht schlechter, nur anders. Bereite dich mental darauf vor.

Was bedeutet der Fachkräftemangel konkret für deine Jobsuche?

Der viel zitierte Fachkräftemangel ist keine abstrakte Statistik, sondern hat ganz konkrete Auswirkungen auf deine Verhandlungsposition. Laut der Bitkom-Studie 2025 fehlen allein in der IT-Branche über 109.000 Fachkräfte. Und das ist nur eine Branche von vielen.

Diese Situation verschafft dir als Bewerber eine starke Position. Unternehmen können es sich nicht mehr leisten, wählerisch zu sein oder Bewerber mit unkonventionellen Lebensläufen abzulehnen. Im Gegenteil: Quereinsteiger und Menschen mit breiter Erfahrung sind gefragt wie nie. Laut Bitkom geht bereits jede fünfte neu besetzte IT-Stelle an Quereinsteiger.

Der demografische Wandel verschärft die Situation zusätzlich. Mehr Menschen scheiden aus dem Berufsleben aus, als junge Fachkräfte nachrücken. Für dich bedeutet das: Deine Erfahrung ist wertvoll, unabhängig davon, ob du sie als Angestellter oder Selbstständiger gesammelt hast.

Hier einige Branchen, die besonders stark um Fachkräfte werben:

  • IT und Softwareentwicklung mit Fokus auf KI und Cybersicherheit
  • Gesundheitswesen von der Pflege bis zur Physiotherapie
  • Handwerk besonders in den Bereichen Elektrik und Sanitär
  • Bildung und Erziehung von der Kita bis zur Berufsschule
  • Logistik und Transport mit wachsendem E-Commerce-Bedarf

Ist die Selbstständigkeit wirklich gescheitert, wenn du aufhörst?

Diese Frage stellen sich viele, und sie ist wichtig. Die Antwort lautet: Nein, auf keinen Fall. Selbstständigkeit ist eine Lebensphase, keine lebenslange Verpflichtung. Manche Menschen bleiben ihr ganzes Berufsleben selbstständig, andere nur für einige Jahre. Beides ist völlig in Ordnung.

Die Entscheidung, die Selbstständigkeit aufzugeben, kann genauso mutig sein wie die Entscheidung, sie zu beginnen. Es erfordert Selbstreflexion, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, einen neuen Weg einzuschlagen. Das sind keine Zeichen von Schwäche, sondern von Reife.

Vielleicht hat sich dein Leben verändert. Familie, Gesundheit, persönliche Prioritäten: Alles das beeinflusst, welche Arbeitsform zu dir passt. Was mit 25 der Traum war, kann mit 40 zur Belastung werden. Und umgekehrt: Manche Menschen starten erst später in die Selbstständigkeit, nachdem sie in der Festanstellung Erfahrung und Sicherheit gesammelt haben.

Der Arbeitsmarkt jedenfalls freut sich über dich. Deine Fähigkeiten, deine Erfahrung und dein unternehmerisches Denken sind genau das, was viele Unternehmen suchen. Also: Trau dich, den nächsten Schritt zu gehen.

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Veröffentlicht am von Stefan Petri
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Von Stefan Petri
Stefan Petri betreibt zusammen mit seinem Bruder Matthias das beliebte Fachforum PSD-Tutorials.de sowie die E-Learning-Plattform TutKit.com, die in der Aus- und Fortbildung digitaler beruflicher Kompetenzen einen Schwerpunkt setzt. 
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